Kulisse(n): Lebendige Welten aus Gips und Styropor

Große Reißzähne, ein roter Rachen, plötzlich reißt das Tier die Augen auf ... Hilfe! Zum Glück besteht der Saurier nur aus Blech und Styropor - und ist Teil der Kulisse im Filmstudio. Kulissenbauer schaffen Greifbares aus Drehbuchideen und lassen Künstliches täuschend echt aussehen: Gute Kulissen setzen Filme, Musicals und Werbespots effektreich in Szene.

Was ist eine Kulisse?

Ursprünglich meinte Kulisse (frz. Coulisse) Gleitbahnen für Schiebewände. Historische Bühnenbilder arbeiteten mit hölzernen Rahmen, die mit kunstvoll gestalteten Stoffen bespannt waren. Als die Bilder laufen lernten, bezeichnete das Wort den gemalten Hintergrund einer Szene - wie Landschaft, Architektur oder Innenraum. Beim Außendreh kann auch ein echtes Bergpanorama zur Kulisse werden. Ungestörter von neugierigen Zuschauern, Umweltlärm, Wind und Wetter dreht es sich allerdings in den Ateliers der Filmstudios - in Erweiterung realer Drehplätze. Dabei ist Kulisse nicht gleich Filmset. Denn Set ist das Ganze, die gesamte visuelle Gestaltung einer Szene, mit allen Requisiten, Kulissen und Technik des Filmmotivs, das gerade gedreht wird. In 90 Minuten TV-Spielfilm können durchaus 50 verschiedene Filmmotive zu sehen sein. 

Was zaubert kreativer Setbau? So ziemlich alles ...

Steht der Bühnenbildentwurf, nimmt filmische Realität aus Holz, Gips und Styropor Gestalt an. Im Setbau entstehen Großplastiken: Historische Bauten, geheimnisvolle Märchenbrunnen, Berghöhlen, meterhohe Felswände und ein ganzes Monument Valley baut sich vor der Kamera auf, bis ins Detail lebensecht realisiert. Erst der zweite Blick enthüllt, dass hinter der massiven Optik federleichte Setobjekte und eine Reihe unsichtbarer Kabel für die Technik stecken. Später auf der Leinwand wird niemand den Fake bemerken. Und damit das Design von Regisseuren und Szenenbildern auch funktionsmäßig überzeugt, bilden Kulissenbauer die Wirklichkeit so stabil wie nötig mit Holz, Gips und Farbe ab. Schauspieler sollen auf dem Saurier reiten? Dann überzieht man das Fabeltier kurzerhand mit Kunstharz: So übersteht der Dino den Dreh ohne einen Kratzer.

Job von Komparsen und Statisten? Kulissen mit Leben füllen! 

Klingt nach großem Kino? Stimmt, am Set von Produktionen wie "Der Herr der Ringe" wimmeln oft hunderte Darsteller gleichzeitig. Trotzdem musst Du für einen Blick hinter die Kulisse keinen Flieger nach Hollywood nehmen. Deutschland bietet Schauspielern oder Komparsen viele Gelegenheiten, Teil interessanter Film-Produktionen zu sein, in Produktions-Hochburgen wie Berlin, München, Köln oder Hamburg. Ob Tatort oder Netflix Serie, Komparsen und Statisten erwecken eine Kulisse erst zum Leben, auf pfiffig inszenierten, vorher einstudierten Laufwegen. Während der Produktionsphase am Filmset ziehen Komparsen, Schauspieler, Regie, Kameraleute und Aufnahmeleitung quasi von Motiv zu Motiv, Drehort zu Drehort, Kulisse zu Kulisse.

Kulissenbauer: Viele Köpfe, viele Hände, viel Liebe zum Detail

Kulissenbauer sind nicht Anstreicher, sondern Künstler - vom Art Department der Filmstudios Babelsberg bis Los Angeles - Ohne Kreativiät keine Emotionen - denn diese zu vermitteln, ist die eigentliche Herausforderung beim Bau einer guten Kulisse. Mit entsprechend ausgeprägter Liebe zum Detail machen sich Kulissenbauer ans Werk, klassisch mit Kreide, Pigment und Kohle, auch in Zeiten von Digitalisierung und 3D-Technologie. Um eine Kulisse zu zaubern, mischen viele kreative Hände und Gewerke wie Tischler, Schweißer, Stuckateure, Bühnenmaler und Bühnenplastiker mit. Kulissenbauer schaffen Illusionen für Musicals, Film- und Fernsehproduktionen, Comedy-Shows, Kindersendungen und Werbefilme. Der Griff in die Werkstoff-Trickkiste gehört dabei zum Alltag: schließlich muss alles echt wirken! Von griechischen Säulen über Rokoko-Mobiliar bis zum schnörkeligen Gartenzaun für das Herbstfest der Volksmusik. Eigentlich ist der aus Kunststoff, aber glänzt nach einem Anstrich mit Metalliclack wie echtes Kupfer. Um unterschiedlichste Materialien zügig zu einer Kulisse zu verarbeiten, steht außerdem ein ganzer Maschinenpark mit CNC-Fräsen, Sägen und Anleimmaschinen bereit.

Her mit der Kulisse, am besten gestern! Gut geplant = halb gebaut

Die Zeiten üppiger Millionenbudgets sind überwiegend Geschichte. Weshalb auch im Setbau die Ansprüche an das Tempo der Umsetzung steigen: Am besten gestern soll die Kulisse fertig sein - und so wenig wie möglich kosten. Ein Großauftrag kommt herein? Die Arbeit als Kulissenbauer ist oft ein Knochenjob und selten nach acht Stunden erledigt. Denn vieles, das schon fertig steht, muss oft kurzfristig geändert und umgebaut werden - im Handumdrehen. Die liebevoll gestaltete Kulisse soll laut Drehbuch per Explosion ins Nirwana befördert werden? Hier keine Träne zu verdrücken, zählt auch dazu. Trotzdem wird der Bau jeder Kulisse im Vorfeld generalstabsmäßig geplant. Ein weihnachtliches Set in der Stadtvilla wird gebraucht? Der Kulissenbau startet schon im Sommer. Rückt die Umgestaltung am Drehort näher, werden die Hausbewohner ausquartiert. Ist der Film abgedreht, versetzen die Kulissenbauer jedes Haus wieder in den Ausgangszustand - und entsorgen alles fachgerecht. Oder Casebau sorgt dafür, dass die Kulisse nach der Produktion gut geschützt in einer CNC-maßgeschneiderten Hülle verschwindet - bis zum nächsten Einsatz.