Der Body-Mass-Index - ein Relikt aus vergangener Zeit?

Lange galt der BMI-Wert als unersetzliches Kriterium für die Auswahl von Models. Je niedriger er war, desto besser. Parallel dazu sollten Brust-, Taillen- und Hüftumfang die angeblich optimalen Modelmaße 90-60-90 haben. Ein Widerspruch, der zunehmend mehr Zweifler auf den Plan rief und die Mode-Welt gründlich revolutionierte. Heute scheint der Body-Mass-Index vergessen, denn immer mehr Designer:innen setzen auf Diversity und suchen bewusst nach Models, die keine Gardemaße haben. Doch warum ist die BMI-Formel trotzdem noch in aller Munde?

Ein statistischer Wert mit Schwachstellen

Um darauf eine Antwort zu finden, musst Du knapp 200 Jahre zurückschauen - in die Zeit, als der Body-Mass-Index noch keine Modelmaße beschrieb und noch nicht mal eine eigene Bezeichnung hatte. Er war ein schlichter Faktor zur Ermittlung von Durchschnittswerten - entwickelt von einem Mathematiker, der überzeugt war, alle lebensbeeinflussenden Aspekte in Zahlen fassen zu können.
In vielen Dingen behielt Adolphe Quetelet mit dieser Annahme recht - doch ausgerechnet sein bekanntestes Rechenmodell weist ein paar Schwachstellen auf: Die Formel Gewicht : (Größe x Größe) berücksichtigt weder das Geschlecht noch die Statur oder den Trainingszustand eines Menschen; vom Körperfettanteil, der Knochendichte oder unterschiedlich großen Gelenken ganz zu schweigen.

Kein Zähler für Modelmaße

Das macht auch nichts, denn Quetelet hatte niemals vor, die Berechnung individuell anzuwenden. Sie diente ihm dazu, das durchschnittliche Gewicht einer ganzen Population zu ermitteln - um daraus auf die Einflüsse von Umwelt und Ernährung zu schließen. In diesem Sinne verstand das auch Ancel Keys, der dem Body-Mass-Index seine populäre Bezeichnung gab.
Zur schrägen Nummer wurde das Rechenmodell erst, als eine US-amerikanische Lebensversicherung den BMI-Wert für sich entdeckte. Mit Hilfe der ermittelten Zahlen legte sie die Höhe der Prämien fest. Wer augenscheinlich zu viel auf die Waage brachte, galt als Risiko-Klient:in und musste für die gleiche Leistung mehr einzahlen.
Das Modell machte Schule und etablierte sich flugs auch in anderen Bereichen. In einigen Bundesländern Deutschlands (!) ist der Body-Mass-Index bis heute (!) ein Verbeamtungs-Kriterium. Wer nach Quetelets Rechnung zu leicht oder zu schwer ist, kann sich den begehrten Status "von der Backe pudern" - weil er/sie vermutlich schneller und schlimmer erkrankt als Kolleg:innen mit "idealem" BMI-Wert.

Zu recht und endlich in der Kritik

Zum Glück wird über diesen Unfug schon lange heftig diskutiert, denn zahlreiche Studien-Ergebnisse widersprechen dem starren Rechenmodell. Die Auswertung von riesigen Datenmengen hat ergeben, dass Erkrankungen und Lebenserwartung nicht zwingend an den Body-Mass-Index gekoppelt sind.
Im Gegenteil: Manche Beschwerden lassen sich durch höhere oder niedrigere Werte lindern oder sogar verhindern. Und den Mankos von Quetelets Formel sind Mediziner:innen schon lange auf die Schliche gekommen. So gut, dass heutzutage sogar Amputationen berücksichtigt werden - denn ein fehlender Körperteil beeinflusst den BMI-Wert ebenso stark wie viele Muskeln, breite Schultern oder ein hoher Bewegungsdrang.

Schön ganz ohne BMI

Auch als Model-Anwärter:in musst Du Dir keine Gedanken mehr um den Body-Mass-Index machen. Die sogenannten Ideal- oder Mindest- bzw. Maximalmaße sind längst kein Thema mehr bei Castings und Online-Bewerbungen. Heute dürfen die Protagonist:innen von Film- und Foto-Kampagnen so divers sein wie nie.
Das heißt, es werden immer mehr Models gesucht, die abseits des Durchschnitts liegen - oder genau mittendrin. Denn was attraktiv und angesagt ist, entscheiden nicht die Designer:innen und Produzent:innen - sondern die Zuschauer:innen, Käufer:innen und Nutzer:innen. Und die wollen keinen Idealen mehr nacheifern, sondern ganz sie selbst sein - egal, wie hoch, niedrig oder perfekt ihr Body-Mass-Index ist.



Sitemap